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Tja, nun hat also die Geschäftsführung der Frankfurter Rundschau Insolvenz angemeldet. Habe mir dazu etliche Berichte auf HR Info angehört. Hilmar Hoffmann wurde interviewt, Manfred Niekisch vom Frankfurter Zoo, ein Medienwissenschaftler und so weiter und so fort. Tenor: „Es ist schade, dass ein Stück linksliberaler Meinungsfreiheit wohl verschwinden wird.“ „Frankfurt hatte immer drei unabhängige Tageszeitungen und das war toll.“ Bedauern, dass eine gedruckte Zeitung wohl verschwinden wird.

Liebe Leute, Ihr habt noch immer nicht die Zeichen der Zeit gehört? Schaut was in den USA mit Newsweek passiert. Es geht nicht mehr darum, dass Tageszeitungen gedruckt ausgeliefert werden. Es geht darum, auf die Zeichen des Internets und der sozialen Medien angemessen zu reagieren. Genau das hat die FR nicht geschafft. Und genau das schaffen viele andere Verlage mit ihren Printmedien auch noch nicht. Es geht um freien Journalismus, um unabhängige Sprachrohre (oder wie heisst die Mehrzahl? Sprachröhren?).

Die Antworten, wie man dem Medien- und Kommunikationswandel durch das Netz begegnen kann, sind nicht einfach und vielleicht auch noch gar nicht gegeben. Von einer sogenannten linksliberalen Zeitung hätte ich mir aber progressivere Ansätze erwartet. Warum hat man beispielsweise nicht versucht die Blogosphere zu umarmen und einzubinden? Warum hat man sich nicht an Publikationen wie The European orientiert? Wohl Gedanken, die weit weg von der Denke normaler Verlagsmanager und herkömmlicher Journalisten und Redakteure sind.

[Und es genügt nicht, die Kolumne eines Journalisten einfach mal Blog zu schimpfen und das als Umarmung der Blogosphere zu postulieren … Auch wenn es einige geschätzte journalistische Kollegen gibt, deren „Blog“ lesenswert ist.]

Liebe Leute, wenn Ihr Euch als Hort des freiheitlichen Journalismus versteht, sind progressive Ideen nötig. Wer sich die Geschichte der Öffentlichkeit in Deutschland anschaut, wer sich linksliberal und freidenkerisch schimpft, wer sich mit freier Presse und vor allem freier, unabhängiger Meinungsäußerung auseinandersetzt, dem muß einfach auch der Gedanke kommen, wie ich auf eine Liberalisierung durch das soziale Netz, durch Blogs und Blogger reagieren und solche Strömungen einbinden kann. Löst das die finanziellen Probleme der FR? Keine Ahnung. Aber zumindest sind aus meiner Sicht fortschrittliche Ansätze notwendig, damit eine FR als Sprachrohr linksliberaler Meinung bestehen kann.

P.S. Ich habe meine beruflichen Anfänge bei der damals logischerweise gedruckten Tageszeitung, bei der WNZ, der Wetzlarer Neuen Zeitung. Als fester Freier habe ich mein Studium teilweise dort durch Zeilengeld finanziert. Später habe ich dann ein Praktikum bei der Neue Medien-Redaktion der FAZ gemacht und dort auch noch länger gejobbt. Die Frankfurter Rundschau war lange Jahre (bevor ich FAZ-infiziert wurde) meine bevorzugte Tageszeitung. An der Uni habe mich mit der Entstehung der modernen Öffentlichkeit, dem berühmten Buch von Habermas, und dem Entstehen der freien Presse in Deutschland auseinandergesetzt. Ich habe also eine gewisse emotionale Nähe zum Journalismus, zur freien Presse und Meinungsäußerung. Genau deshalb finde ich, dass sich die Presse ändern muß. Wer die Ideen von 1848 und mehr Ernst nimmt, dem müsste die freie Blogosphäre gefallen und der müsste überlegen, wie man solche Strömungen konstruktiv einbinden kann. Ob das wirtschaftlich tragfähig sein könnte …  Nochmals, ich weiß es nicht. Es ist aber mehr als eine Überlegung wert.

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